Von der Kunst der Selbstausbeutung
eine Kolumne von Sandra Paula Rademacher

Always Pack a Party Dress: And Other Lessons Learned from a (Half) Life in Fashion, der Kunstszenen Schmöker von 2015, ist inzwischen mehr als zehn Jahre alt. Und das Erstaunliche: was die Arbeitsbedingungen in Blue Chip Galerien angeht, hat das Buch kaum Patina angesetzt. Amanda Brooks’ Erinnerungen an ihre Zeit bei Larry Gagosian lesen sich heute weniger wie ein Dokument aus einer vergangenen Epoche als wie eine ziemlich aktuelle Zustandsbeschreibung. Niedrige Bezahlung trotz hoher Qualifikation, permanente Verfügbarkeit, steile Hierarchien, geringe Aufstiegschancen und dazu die unausgesprochene Erwartung, Prestige gefälligst als Teil des Gehalts zu verbuchen. Verändert hat sich vor allem das Vokabular. Was früher harte Schule oder notwendiges Lehrgeld hieß, nennt man heute Burnout, strukturelle Überlastung oder toxische Führung. Die Mechanik dahinter ist bemerkenswert stabil geblieben.
Dass das nicht nur für die großen Namen des Kunstmarkts gilt, zeigt beispielsweise auch die Studie von ICOM Deutschland zur Mitarbeitendenzufriedenheit in Museen. 2024 war von mehr als 1.500 Befragten nur etwa die Hälfte mit ihrer Arbeitssituation zufrieden. Rund 40 Prozent suchten bereits eine neue Stelle oder konnten sich einen Wechsel mittelfristig vorstellen. Ein erheblicher Teil erwog sogar, den Museumsbereich ganz zu verlassen. Kritisiert wurden Führung, mangelnde Wertschätzung, geringe Mitsprache und fehlende Entwicklungsmöglichkeiten. Und dennoch beschrieben viele ihre Arbeit zugleich als Leidenschaft. Willkommen beim alten Kunstbetriebsparadox: Gerade diejenigen, die besonders an ihrer Arbeit hängen, lassen sich besonders lange mit ihren Bedingungen abspeisen.
Denn Leidenschaft ist in dieser Branche nicht nur eine schöne Zugabe. Sie ist eine Ressource. Eine, die in keiner Bilanz auftaucht und trotzdem erstaunlich zuverlässig eingeplant wird. Beschäftigte fangen Personalmangel auf, übernehmen zusätzliche Aufgaben, bleiben länger, improvisieren und sorgen dafür, dass am Ende trotzdem eröffnet, gehängt, vermittelt und verkauft wird. Der Betrieb funktioniert, weil Menschen mehr geben, als in ihrer Stellenbeschreibung steht. Und weil sie ihre Arbeit lieben.
Der Medienwissenschaftler Mark Deuze beschreibt in seiner 2025 veröffentlichten Studie What Makes You Happy Also Makes You Sick: Mental Health and Well Being in Media Work einen zentralen Mechanismus kreativer Arbeit. Wer seinen Beruf liebt, Zugang zu einem begehrten Feld als Privileg empfindet und Anerkennung eng mit dem eigenen Selbstverständnis verbindet, zieht Grenzen weniger entschieden. Aus Flexibilität wird Verfügbarkeit, aus Engagement Mehrarbeit, aus Improvisation irgendwann Organisation. Selbstausbeutung ist dabei nicht einmal angeordnet. Das System funktioniert, weil Beschäftigte die eigenen Grenzen immer weiter verschieben.
Das macht Burnout nicht zu einem persönlichen Defizit, sondern zu einer ziemlich plausiblen Folge der Verhältnisse. Die Nähe zur Kunst mag inspirierend, sinnstiftend und gesellschaftlich attraktiv sein. Auf Dauer ersetzt sie jedoch weder angemessene Bezahlung noch verlässliche Arbeitszeiten oder berufliche Perspektiven.

Wie verbreitet diese Verhältnisse im deutschsprachigen Raum sind, dürfte sich bald noch genauer zeigen. 2026 wurde die ICOM Untersuchung erstmals auf Deutschland, Österreich und die Schweiz ausgeweitet. Mehr als 2.800 Museumsbeschäftigte nahmen teil. Gefragt wurde nach Arbeitsatmosphäre, Führung, Wertschätzung, Vereinbarkeit, Gleichstellung, Organisationskultur und Wechselbereitschaft. Die Ergebnisse stehen noch aus. Eine große Überraschung wäre allerdings, wenn diesmal plötzlich alle zufrieden wären.
September 2026 ©paula und co.















